Grenzgeschichten von Thal (09.10.2024)
1. Uf d Stubad - wenn Liebe keine Grenzen kennt
Mein Mann ist Thaler, ich bin gebürtig aus Scheffau. Wir haben uns über den Musikverein Thal, welcher
damals mit unseren Musikanten gemeinsam in Scheffau geprobt hat, kennengelernt.
Über die Grenze zu kommen war für meinen Mann nicht immer einfach, aber Liebe kennt keine Grenzen …
Er fuhr immer mit dem Auto zu mir, da brauchte er nur seinen Pass zu zeigen. Wenn er hätte laufen
wollen, hätte er um einen Passierschein ansuchen müssen. Ich war dann als junge Frau oft in Thal
im Gasthaus Lamm und in der Krone zum Tanzen.
Die Dörfer Scheffau und Thal hatten damals einen intensiven Zusammenhalt, zumal auch der Musikverein
dorfübergreifend geführt wurde. Das Auto meines Mannes wurde oft an der Grenze durchsucht.
Die Zöllner schauten natürlich ganz genau, ob er etwas schmuggelt und stellten alles auf den Kopf.
Heute sind wir froh und schätzen uns sehr glücklich, dass die Grenzen offen sind und es diese Prozedur
nicht mehr gibt!
Junge Frau aus Scheffau, zirka 1965
2. Wie ein Zöllner zum Kuhschmuggler wurde
Wir haben in Deutschland eine Kuh gekauft und hätten diese über die Grenze schmuggeln müssen. Da jedoch gerade
ein Zöllner kontrolliert hat, musste ich meine Schauspielkünste auspacken
Als mich der Zöllner mit meiner Kuh entdeckt hatte, musste ich mir ganz schnell einen triftigen Grund
einfallen lassen, wieso ich mit diesem Tier über die Grenze muss. Ich konnte ihm ja nicht sagen,
dass ich die Kuh verbotenerweise nach Thal schmuggeln möchte. Gott sei Dank kam mir rechtzeitig ein Einfall!
So erzählte ich dem Zöllner, dass das Tier aus meinem Stall ausgerissen sei und ich nun alle Mühe habe,
es einzufangen. Der Zollbeamte war daraufhin noch so freundlich, mir beim Einfangen zu helfen.
Und so brachten wir die Kuh gemeinsam nach Hause und der Zöllner machte sich selbst unbewusst zum Schmuggler.
Landwirt aus Thal, zirka 1955
3. Der wahre Nutzen eines Horners
Als Kinder durften wir im Winter zum Rodeln mit unserem Horner über die Grenze. Dass wir Kinder aber nicht
nur rodeln wollten, war den Zöllnern wohl nicht klar
Denn schon früh begriffen wir Kinder, dass so ein Horner nicht nur Spass machte, sondern auch sehr nützlich
sein konnte. über der Grenze luden wir unseren Horner voll mit verschiedenen Waren: Kleidung, Waschmittel,
ja sogar eine Waschmaschine haben wir einmal über die Grenze geschmuggelt.
Als der Zöllner dann seinen Standort gewechselt hat, konnten wir mit dem Rodel wieder zurück ins Thal.
Angst hatte ich damals als Bub nicht, mir ist auch nie etwas passiert und ich wurde nie erwischt.
Meine Grossmutter musste jedoch schon einmal eine Strafe zahlen. Wir wussten aber ganz gut, wie wir die Waren
unentdeckt über die Grenze bringen konnten.
Bub aus Thal, zirka 1970
4.Keine Ausnahme für Grenzgänger
27 Jahre lang habe ich in der Käsefabrik in Lindenberg gearbeitet, wie manch anderer Thaler auch. Da wir bei
Tag und bei Nacht über die Grenze gingen, durften wir eines nie vergessen.
Im Jahre 1968 habe ich meinen Job in der Käsefabrik in Lindenberg begonnen, damals mit meinem Onkel gemeinsam.
Es gab auch einige Personen, die in Lindenberg in den Hutfabriken ihr Arbeiten hatten. Wir
liefen meist von Thal aus über den Paradiesweg zur Grenzbrücke in der Ecklismühle und dann hinauf zum
Gletschertopf. Dort wurden wir dann von einem kleinen Bus mit in die Käsefabrik genommen. Um aber bei
Kontrollen über die Grenze zu kommen, brauchten wir immer eine Bewilligung, welche jährlich erneuert
werden musste. Die Zöllner kannten uns zwar grö tenteils, es waren ja meist die gleichen Beamten, dennoch
machten sie keine Ausnahmen. Wer keine Genehmigung hatte, konnte nicht passieren.
Vergessen durften wir deshalb den Schein nie, denn sonst hätten wir unsere Mitfahrgelegenheit verpasst.
Fabrikarbeiter aus Thal, um 1968
5.Der vermeintliche Thaler Drogenring
Auch noch in den 1980 er Jahren war es so, dass aufgrund der Beitragsfreigrenze für Zollwaren pro Person
beispielsweise nur eine Kiste Limonade zollfrei über die Grenze gebracht werden konnte. Deshalb wurde
das Auto oft mit Kindern vollbeladen. Das war uns Jugendlichen aber deutlich zu aufwändig
Für ein Open-Air Kino des Kulturvereines Thal war ich für die Besorgung der Getränke verantwortlich.
Wie damals üblich, beschaffte man die Limonade günstig direkt beim Produzenten, der Johanna Quelle in Siebers.
Um die zollfreie Beitragsgrenze auszunutzen, mussten alle Kinder und oft die Nachbarskinder mitfahren,
um möglichst viele Kisten legal über die Grenze zu nehmen. Das war uns Jugendlichen damals aber deutlich zu
aufwändig. Wir holten die Kisten in Siebers, stellten sie an den Schlagbaum in Eyenbach, trugen die Kisten
einfach über die Grenze und luden sie in ein anderes Fahrzeug ein.
Natürlich nicht, ohne vorher zu schauen, ob ein Zöllner vor Ort war.
Das Vorhaben funktioniert reibungslos, so dachten wir. Doch am nächsten Tag ging ein Anruf ein und wir wurden
wegen eines scheinbar schweren Deliktes beim Zollamt in Hub zur Aussage vorgeladen. Mit flauem Magen
trafen wir dort ein und wurden vom Zollamtsleiter persönlich mit dem Vorwurf konfrontiert, dass wir am Vortag
wohl Säckchen mit wei em Inhalt über die Grenze geschmuggelt hätten. Verdattert wegen diesem massiven
Vorwurf des Handels mit Suchtmitteln rückten wir freimütig mit unserem Limonadenschmuggel heraus.
Trotz scharfer Worte des Zollamtsleiters blieb es so Gott sei Dank nur bei einer Verwarnung.
Aufgelöst war die Sache dann relativ einfach. Einer der Grundbesitzer war immer sehr verärgert, wenn die
Strass bis zur Eyenbach-Grenze benutzt wurde. So hat er bei seiner Anzeige wohl noch was dazu fantasiert.
Thaler Jugendlicher, zirka 1985
6.Obacht, Zöllner!
Früher wurde in Thal sehr viel geschmuggelt. Das war gefährlich, da man sich natürlich nicht von Zöllnern
erwischen lassen durfte. Oft wurden Kinder voran geschickt, um zu schauen, ob sie an der Grenze stehen.
Teilweise sind wir den ganzen Tag an der Grenze auf und ab gelaufen, um zu beobachten, wann der Zöllner kommt,
um zum richtigen Zeitpunkt Waren zu schmuggeln. Im Winter froren die Zöllner lieber als den Ofen
anzuheizen, denn damit hätten sie ihre Anwesenheit verraten. Die Zollbeamten waren aber auch nicht immer
im gleichen Zollhaus. Sie sind ihre Runden gelaufen von der Hub Langen in die Ecklismühle, dann zum
Stampf (Eyenbach) und wieder zurück. Und wenn sie einen guten Tag hatten, konnte man sie auch noch zu
später Stunde im Gasthaus Lamm bei einer Flasche Wein antreffen.
Bub aus Thal, zirka 1970
7.Wenn die Nächte im Zollhaus lang werden
Anfang der 1980er bis in die 1990er Jahre war der Country Club in Scheffau ein beliebtes Ausgehziel für die
Jugendlichen aus Thal. Weil ich einen übertrittsschein benötigte, bekam ich unverhofft Einblick in
vertrauliche Zollunterlagen.
Um noch einen Platz im Club zu bekommen, der von einem pensionierten Chirurgen, auch Professor genannt, und
seinem Lebenspartner geführt wurde, traf man sich jeden Samstag vor 20 Uhr zur Fahrgemeinschaft. Wer es nicht
rechtzeitig schaffte, kam irgendwie nach, so wie auch mein Freund und ich eines Abends. Da ich meinen
Personalausweis vergessen hatte, musste ich mir vom Zöllner einen übertrittsschein ausstellen lassen, der für
den einmaligen Grenzübertritt galt.
Es war bereits dämmrig und man sah von aussen, wie der Zöllner in Akten vertieft war. Er war so konzentriert,
dass er mein Eintreten zunächst nicht bemerkte. Dafür bekam ich jedoch Blickkontakt mit den
Unterlagen. Angesichts des Hochglanz-Magazins, das ganz sicher als Vorbereitung für die Zerschlagung
eines Pornorings diente, musste ich mir ein Grinsen verkneifen.
Auf mein freundliches Guta Obad schob der Zöllner blitzschnell einen Formularstapel darüber. Hosch viel
Arbeit? , liess ich mit meiner Stimme keine Zweifel an meiner Entdeckung. Mit der Bemerkung Jo jo, immer was
zum tua! wühlte der Zöllner geschäftig auf seinem Tisch nach einem Stift und stellte ohne jegliche
Diskussion den übertrittschein aus.
Jugendlicher aus Thal, zirka 1985
8. Kurz notiert - das Leben an der Grenze
Der Schranken war grundsätzlich immer zu. Dennoch bekamen bestimmte Personen einen Schlüssel, wie der Pfarrer,
welcher den Pfarrwald bewirtschaftete. Dieser Schlüssel musste zuerst am Morgen im Zollamt in Hub geholt
werden, um das Schloss am Schlagbaum aufzusperren und am Abend verlässlich wieder retour gebraucht werden.
Vor Sonnenaufgang und Sonnenuntergang war ein Grenzübertritt grundsätzlich verboten.
Nach dem EU-Beitritt 1995 war der Schlagbaum dauerhaft offen. Bei der Erneuerung der Brücke 2012 wurde er dann
abgebaut. Teile davon befinden sich noch in Thaler Privatsammlungen. Wie hätte man auch wissen können,
dass der Schlagbaum 2020 für die Grenzversperrung während der Corona-Pandemie wieder gebraucht
werden würde.
Alles was heute noch auf die früheren Grenzkontrollen hinweist, sind die alten Zollhäuschen. Berichten zufolge
standen die heutigen jedoch zuvor an anderen Grenzpunkten. So stammt das Zollhaus am Eyenbach wohl
vom Sulzberg, nachdem das originale nach Grenzöffnung irgendwann einfach abgebaut und zu Brennholz
verarbeitet wurde. Auch das Zollhaus in der Ecklismühle war demzufolge nicht immer in Thal. Dieses stand
ursprünglich in Langen-Hub, wurde dann aber nach dem Bau des grossen Zollamtes nach Thal gebracht.
Informationen eines Grenzanrainers aus Thal
9.Die andere Perspektive - Einblicke in den Alltag eines Zöllners
Als Zeitzeuge und mit belegbaren Ereignissen an der Grünen Grenze im Raum Thal kann ein ehemaliger
Zollwachebeamter der von Anfang der 1970 er Jahre bis 1995 Dienst an der Grenze versah, das Tätigkeitsfeld
anhand der nachstehenden, zum Teil brenzligen Situationen beispielhaft aufzeigen:
In einer Abenddämmerung versuchten zwei Männer einen Fahrzeugmotor, wie sich später herausstellte ein in den
70er Jahren neu entwickelter Wankelmotor, über die Rotach nach österreich einzuschmuggeln. Dies wurde
aus einer entsprechenden Deckung von einem Zollwachebeamten wahrgenommen, der nun auf den
Empfang der Männer wartete. Doch inmitten des Flusses machten die Burschen plötzlich eine Kehrtwende und
brachten den Motor wieder nach Deutschland zurück. Im Nachhinein wurde bekannt, dass ein sogenannter
Aufpasser den Beamten entdeckt hatte und er die Schmuggler darüber informieren konnte.
Anlässlich einer Nachtstreife wurden von einem Zollwachebeamten drei Personen, die einen illegalen
Grenzübertritt vorgenommen hatten, angehalten. Es handelte sich um Drittstaatsangehörige, die von einem
sogenannten Schlepper über die Grenze geführt wurden. Die damaligen Streifgänge wurden, so auch im
vorliegenden Fall, nur von einzelnen Beamten ausgeführt. Jedoch ein Funkgerät war gegeben. Um die Burschen nun
in Schach zu halten und auch ein bestimmtes Risiko zu minimieren, bedurfte es eines energischen
Auftretens und somit auch der sofortigen Aufforderung an die Betreffenden, mit den Händen nach vorne gestreckt
sich auf den Bauch auf den Boden zu legen. Wegen der entsprechenden gezückten respektauslösenden
Ausrüstung des Beamten folgten die Angehaltenen dieser Aufforderung. Auf dem Bauch
liegend mussten die Festgenommenen etwa 20 Minuten auf die vom Beamten angeforderte Verstärkung ausharren.
Abgesehen von der besonders fordernden Situation für den Beamten ergaben die im Lichtkegel einer Taschenlampe
in horizontaler Stellung befindlichen Kontrahenten eine aeusserst sehenswerte Darstellung .
An einem Regentag, an dem sich ein Schwarzfischer wohl sicher fühlte, wurde von einem Zollwachebeamten bei
seinem Streifgang aus einer bestimmten Entfernung an der Rotach eine Person beim Fischen festgestellt. Da die
Person laufend ihren Blick in verschiedene Seiten wechselte und sich einer unüblichen Fischerausrüstung
bediente, war anzunehmen, dass es sich bei ihm um einen Schwarzfischer handelte. Um des
Betreffenden habhaft zu werden, bedurfte es nun einer bestimmten Taktik. Dem Beamten gelang es in einem
weiten Bogen über den Wald und Gestrüpp unbemerkt von hinten an die Person anzuschleichen. Mit einer
Anhalteart, die nicht besonders konform mit den rechtlichen Vorgaben einer Anhaltung übereinstimmten,
erfolgte vom Beamten ein Griff von hinten an den Mantelkragen des Betreffenden. Als der Bursche dies wahrnahm,
stiess er beim Anblick des Beamten einen lauten Schrei aus und fiel in einen derartigen
Schockzustand, sodass der Beamte ihn weiter festhalten musste, um ihm ein unfreiwilliges Bad im Wasser zu
ersparen. Nach einer entsprechenden Belehrung über sein unrechtmässiges Handeln wurde über den Angehaltenen, da
dieser mit dem noch weiter anhaltenden Schockzustand wohl genug bestraft war, eine mündliche
Verwarnung ausgesprochen und somit von einer Anzeige nach den Bestimmungen der Jagd- und Fischereirechte
abgesehen. Danach verliess der Bursche, der nach wie vor kein Wort über seine Lippen brachte und auch
amtsbekannt war, schleunigst den Ort des Geschehens.
Im Nachhinein betrachtet ergab in den 1970er Jahren die Anhaltung von zwei Männern nach deren illegalem
Grenzübertritt an der Grünen Grenze eine brisante Beurteilung. Nach der entsprechenden Anhaltung streckten
die Personen von sich aus sofort die Hände in die Höhe und ersuchten den Beamten mit den Worten
Bitte nicht schiessen! um Rücksicht. Folgend wurde klar, weshalb die Männer, die sich in einem
bestimmten Verbrechensumfeld bewegten, diese Aussage tätigten. Die nachfolgenden Leibesrevisionen und
Identitätsfeststellungen ergaben, dass die Angehaltenen zumindest als Sympathisanten der in dieser Zeit in
Deutschland mit Morden und Entführungen von politischen Mandataren agierenden Bader/Meinhof-Terrorgruppe
angehörten. Die Männer führten auch Skizzen mit, in denen für ihre geplanten illegalen Grenzübertritte von
Deutschland über österreich nach Italien die entsprechenden Routen vermerkt waren. Die weiteren Erhebungen
über die Festgenommenen wurden in der Folge von der Gendarmerie, heute als Polizei benannt, vorgenommen.
Die Zweckbestimmung der Zollwache:
Für das Bestehen des Zolls bzw. der Zollwache galt neben den sicherheitspolizeilichen Aufgaben in
zollrechtlicher Hinsicht das Leitbild: Zum Schutz der inländischen Wirtschaft . In diesem Sinne wurden, um dem
ausländischen Preisdruck entgegenzuhalten, vom Gesetzgeber und mitbestimmend auch von der Wirtschaftskammer
für bestimmte Waren Einfuhr-Zollsätze festgelegt. Dadurch konnte den inländischen,
oftmals kleinstrukturierten Betrieben, die den Grossproduzenten im Ausland bzw. den Produkten aus
Billiglohnländern mit Betrieben mit eher fragwürdigen sozial- und arbeitsrechtlichen Bestimmungen wenig
entgegenhalten konnten, der Fortbestand ihrer heimischen Produktion samt Arbeitsplätzen gesichert werden.
Auch diverse steuerrechtliche Unterschiede waren oftmals gegeben.
Folgend eine Betrachtung des Verhältnisses der Zollwache im Allgemeinen zur Bevölkerung:
Bestimmten Bürgern, denen die eigene Geldbörse näer lag wie der Gedanke an die heimische Wirtschaft, war es
angetan, preisgünstigere ausländische Waren am Zoll vorbei ins Inland zu verbringen. Den
Zollwachebeamten war aufgetragen, neben dem verschiedensten weiteren Aufgabenbereich, diesem Faktum
entsprechend entgegenzuhalten. Daraus entwickelte sich beim Grenzübertritt an den Zollämtern ein oftmals
fragwürdiges Vertrauensverhältnis . Die entsprechenden Kontrollen, die hin und wieder bei
finanzstrafrechtlichen Verstössen zu einer starken Belastung der Geldbörse der Betroffenen führten, wurden
vom Bürger wohl mit wenig Begeisterung gesehen.
Allgemein, so auch in der heutigen Zeit, werden von Teilen der Bevölkerung den Grenzkontrollen bzw. den
verschiedensten Kontrollen durch Exekutivorgane, was in der Natur der Sache liegt, keine besonderen Sympathien
entgegengebracht. Gegenüber dieser Klientel mit ihrem eingegrenzten Betrachtungswinkel muss man
als Exekutivorgan einen Standpunkt einnehmen, der weit darüber liegt. Ein korrektes und bestimmtes
Auftreten des Beamten dient als Grundlage für die Akzeptanz der Massnahmen sowie zu einer entsprechenden
Anerkennung in der Gesellschaft.
Zollwachebeamter 1972-1995
10. Mein Leben als Zöllner - war auch schön!
Der Job des Zollwachebeamten war zu sehen wie jeder andere, wenn auch mit Belastungen, die bis ins private
Leben führen konnten.
Wenn man jedoch Exekutivbeamte als privilegiert bezeichnen möchte, so sind dies die Befugnisse dieser Organe,
die so wie es im Amtsdeutsch ausgesprochen wird, um den rechtlichen Zustand herzustellen , eine
Notwendigkeit darstellen.
Der Job als Exekutivbeamter ist deshalb schwer mit einer anderen Tätigkeit vergleichbar.
Negative Einflüsse ins Privatleben eines Beamten können nur durch dienstliches Fehlverhalten entstehen. Ich
hatte diesbezüglich gänzlich keine Probleme!
Den Job als Zollwachebeamter mit der immensen Aufgabenpalette, in die ich mich hineinkniete , war für mich,
vor allem dann am Schluss, eine äusserst erfüllende Aufgabe. Um dies entsprechend zu bewältigen, war
es im Vollzug erforderlich auf zwei Füssen zu stehen. Auch war ich bei gröberen Verstössen hart im
Nehmen . Ich sah es auch als meine/unsere Aufgabe, im Hinblick auf den Bürger, der sich an die rechtlichen
Normen hält, die schwarzen Schafe aus dem Verkehr zu ziehen.
Dabei war es mir für mich im Umgang mit Menschen mit den unterschiedlichsten Charaktereigenschaften und
mitunter in sehr schwierigen Situationen auch immer wichtig, das gegenseitige menschliche Niveau auf
Augenhöhe zu halten. Aus meiner Sicht ist es mir ausnahmslos gelungen, auch in schwierigen Situationen
angenehme Umgangsformen herzustellen. Klar gab es auch unangenehme bis äusserst beleidigende Situationen, die
bis zu den miesesten Anschuldigungen bis hin zu Vorwürfen des Amtsmissbrauchs reichten. Meine Devise
war immer, mich nie auf dieses Niveau herabzulassen. Dies führte dann oft zur baldigen Beruhigung der
Situation. Auch von den teils befassten Behörden erhielten wir einen starken Rückhalt!
So erlaubte mir z.B. ein Richter während der Verhandlung, dem zu einer Strafe verdonnerten Gesellen sachlich
die Leviten zu lesen.
Ja, wo wir Zollwachebeamten die Hände überall im Spiel hatten!
Neben den zoll-, steuer-, fremdenpolizei-, kfz- und abgabenrechtlichen Beanstandungen ergaben sich weiters
Straffälle aus diversen Rechtsgrundlagen. Um nur einige davon anzuführen: Produktpiraterie,
Containersicherheitsgesetz, Telekommunikationsgesetz, Suchgiftbestimmungen (Verstecke in doppelten Schuhsohlen
bis hin zum Magen/Darm Dealer etc.), bilaterale Transportbestimmungen,
Ausländerbeschäftigungsgesetz, Gewerbeordnung, Sittenpolizeigesetz (in Bezug auf Prostitution/Zuh lterei),
Sozialbetrug (z.B. in der Schweiz ein aufrechtes Dienstverhältnis, daneben in sterreich Notstandshilfe-
Empfänger); Arzneiwareneinfuhrgesetz, Tiertransportgesetz etc.
Die finanziell erfolgreichsten Tätigkeiten ergaben sich jedoch nach dem EU-Beitritt aus dem
grenzüberschreitenden Warenverkehr im Umsatzsteuerbereich. Nach wenigen Jahren wurden uns vom zuständigen
Finanzamt Graz als Ergebnis unserer Kontrollen Nachforderungen und Strafzahlungen von über dreistelligen
Millionenbeträgen gemeldet. Anfänglich jedoch in ATS.
Gesamt, über die einzelnen Sachverhalte, liesse sich ein Buch schreiben!
Aus dem Umgang mit den verschiedensten Menschen entwickelte sich über die Jahre auch eine besondere
Menschenkenntnis, die es mir ermöglichte, die betreffende Person jeweils in einen bestimmten Raster einzuordnen.
Dies erhöhte die Sicherheit und Trefferquote.
Ein Job wie jeder andere?
Der Dienst beim Zollamt hatte jedoch auch einige Herausforderungen, die sich auf meinen Wohnort bezogen. In
meinem örtlichen Bekanntenkreis befanden sich auch Personen, die versuchten mich bei ihren Grenzübertritten zum
Wegschauen zu überreden. Es wurde auch versucht mich auf einer anderen Ebene zum Amtsmissbrauch zu
bewegen. Das war für mich nie ein Problem. Ich ordnete diese Menschen in eine bestimmte charakterliche
Schublade. Punkt!
Bemerkenswert, diese Menschen kamen meist aus einem höheren Bildungsniveau.
Nun in der Pension kann ich mit Zufriedenheit und Genugtuung auf den für mich als äusserst erfüllenden Job als
Zollwachebeamter, dessen Auftrag ich wohl erfüllt habe, zurückblicken. Vor allem, dass es mir
überwiegend gelang, in den verschiedenartigsten Situationen mit den Menschen aus den unterschiedlichsten
Gesellschaftsebenen, angefangen von dem auf der untersten Ebene angelangten Suchtmittelkonsumenten, z. B. ein
junger Bursche mit 34 strafrechtlichen Vormerkungen und psychisch am Ende, bis hin zur obersten
Vermögensetage, einen wohltuenden menschlichen Umgang zu erreichen.
Es war ein facettenreicher Job, den ich auch sehr gerne gemacht habe.
Zollwachebeamter 1972-1995
Gefunden in der Homepage der Gemeinde Thal, Oesterreich.
Die Texte sind dort für alle öffentlich zugänglich. Ich bin der Gemeinde sehr dankbar, diese wertvollen
Heimat-Geschichten zu sammeln und zu veröffentlichen. Ein gutes Beispiel, dem andere Gemeinden doch
nacheifern könnten.